Gefährliche Diagnosen

Wissen hat - wie die bekannte Medaille - zwei Seiten. Es kann Segen oder Fluch bedeuten, je nachdem, wie es unser Bewusstsein  verändert  und unser Handeln beeinflusst. Wenn uns eine neue Erkenntnis hilft, ein Problem zu lösen oder einen Irrtum zu entlarven, ist sie segensreich. Können wir mit ihr aber nichts Vernünftiges anfangen, so kann sie zum Fluch werden, weil sie uns verunsichern und zu unsinnigem Handeln veranlassen kann. In diesem Fall wäre es besser, nichts zu wissen. Denn entsprechend dem Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ können wir mit vielen Gefahren und Problemen gut leben, wenn sie uns nicht bewusst sind.

Unsere Psyche ist ja darauf eingestellt, von den unzähligen Eindrücken, Informationen und Wahrnehmungen, die täglich in uns einströmen, nur jene bewusst werden zu lassen, mit denen wir etwas Sinnvolles anfangen können und die für unsere Selbstverwirklichung nützlich sind. Alles andere wird im Archiv des Unterbewußten abgelegt, um entweder für immer dort zu bleiben oder um eines Tages, wenn wir reif dafür geworden sind, in Form einer Erkenntnis oder eines Problems wieder aufzutauchen und bewußt zu werden. Zerrt man solch verdrängtes Wissen gewaltsam hervor oder konfrontiert man jemanden mit Tatsachen oder „Wahrheiten“, für die er noch nicht reif ist, so zerstört man sein inneres Gleichgewicht.

Leider nimmt man in der modernen Medizin hierauf zu wenig Rücksicht. Man sammelt mit beeindruckender Genauigkeit diagnostische Fakten über fast jede krankhafte Veränderung und „knallt“ diese dem verängstigten Patienten schonungslos „vor den Kopf“. Damit verstößt man gegen eine der wichtigsten Regeln einer humanen Medizin: „Primum nil nocere“ - „Zuallererst muß man darauf achten, daß man dem Patienten nicht durch diagnostische oder therapeutische Maßnahmen schadet!“ Denn meist kann der kranke Mensch solche Diagnosen oder Prognosen nicht richtig deuten (das können oft nicht einmal die Ärzte), gerät in Panik oder Depression und wird noch kränker.

 

Man kann  den modernen Medizinern nur zugute halten, daß sie es nicht besser wissen. Denn

  • die unaufhaltsame Technisierung der Medizin reduziert den persönlichen Kontakt zwischen Patient und Arzt auf ein Minimum,

  • die zunehmende Spezialisierung führt dazu, dass es – wie es in den 68er Jahren hieß – immer mehr „Fachidioten“ gibt, die lediglich ihr kleines Teilgebiet überblicken,

  • ·die heutige Medizin hat den Heilungsanspruch  aufgegeben und begnügt sich damit, Beschwerden zu lindern, Krankheiten unfühlbar zu machen und die „Maschine Mensch“ irgendwie in Gang zu halten.  

Heilung im Sinne von Wieder-ganz-machen ist fast unmöglich geworden, weil die Technomedizin den Menschen nicht in seiner Ganzheit, das heißt als Wesen aus Körper, Geist und Seele, erfassen kann. Sie beschränkt sich fast nur auf den Körper, und dies nicht einmal ganzheitlich, sondern aufgeteilt in viele Teilgebiete. Der Facharzt behandelt seine Fachorgane und weiß kaum, welche Auswirkung seine Maßnahmen auf den Rest des Organismus haben – dafür ist dann der andere Fachkollege zuständig.

So hat die heutige medizinische Diagnostik, die sich nur um pathologische Befunde von Organen oder Geweben kümmert, zwei verhängnisvolle Folgen:

  • Der Mediziner behandelt an seinem Patienten nur den aus dem großen Zusammenhang gerissenen Spezial-Befund,

  • Der Patient verliert weitgehend das Gefühl für sich selbst in seiner Ganzheit. Er sieht nur noch angsterfüllt das Magengeschwür oder den Darmkrebs, die Eierstockscyste oder die Blinddarmentzündung, den Bandscheibenvorfall oder den Kropf und kann seine Beschwerden nicht mehr im sinnvollen Zusammenhang mit seinem übrigen Zustand erkennen.

 

Ein gesunder Mensch wird nicht krank: Wenn ich krank geworden bin – sei es nun schwer oder geringfügig -, so zeigt dies, daß schon vorher etwas nicht gestimmt hat, ohne dass ich es genügend beachtet habe. Um wirklich gesund und heil  zu werden, genügt es daher nicht, nur am zuletzt aufgetauchten Symptom herumzukurieren. Ich muss möglichst alles an mir und in meinem Leben wieder in Ordnung bringen.

Wie soll jemand dazu aber fähig sein, wenn er seinen Zustand nicht kennt, wenn er zum Beispiel nur seine Migräne sieht, nicht aber den Stress, der sie auslöst, wenn er nur den Krebs wahrnimmt, nicht aber den schweren Gefühlskonflikt, der seine eigentliche Ursache ist, oder wenn er sich nur um die Symptome seiner Grippe kümmert, nicht aber um die Überbelastung, die sie ausgelöst hat? 

Wenn ich meine Krankheit nicht im Zusammenhang mit  meinem Gesamtzustand und als Ausdruck meines derzeitigen Lebens erkennen kann, habe ich keine Möglichkeit, sie ursächlich zu heilen, sondern ich muss mich damit begnügen, sie zu unterdrücken, zu betäuben oder wegzuschneiden.

Jede Krankheit ist das momentane und vorläufige Endergebnis eines von der Gesundheit wegführenden Lebensweges. Das muss man sich immer wieder klarmachen. Denn es bedeutet, daß echte Gesundung nur dadurch erreicht werden kann, dass man einen neuen Weg einschlägt und seine krankmachenden Einstellungen, Verhaltensweisen oder Lebensumstände ändert. Die Quelle des Übels, aus der die Krankheit entsprungen ist, wird so lange weiter sprudeln und allen Bemühungen zum Trotz Krankheit produzieren, bis sie zum Versiegen gebracht wird.

Ich muss also, wenn ich krank geworden bin, versuchen, alle mich krank machenden Faktoren – die äußeren Lebensumstände genauso wie die inneren Einstellungen - aus meinem Leben zu entfernen bzw. zu ändern. Dazu muß ich mich genau und ehrlich beobachten, und ich brauche genügend Ruhe, Zeit und innere Einkehr, nicht aber einen schnelle Manipulationen, die ein Spezialist durchführt, der außer seinem kleinen Spezialgebiet nichts von mir wahrnimmt.

Solche Eingriffe  - z.B. eine Operation oder eine Manipulation durch ein gewaltsam wirkendes chemisches Medikament - dürften nur als rettende Zusatzmaßnahme und unter Berücksichtigung der Gesamtsituation erfolgen. Denn jede krankhafte Störung hat ihren speziellen Sinn und dient letztlich unserem Überleben.

Es geht also darum, wenn man feststellt, dass etwas nicht stimmt, sogleich alles herauszufinden, was einen  krank macht. Ich muss lernen, mich zu fühlen – meinen körperlichen genauso wie meinen seelischen Zustand und meine Lebenssituation wahrzunehmen, und nicht nur auf die momentan besonders störenden  Beschwerden zu achten. Alles, was einen schlechten Einfluss auf mich hat und mich krank macht, muß aus meinem Leben verschwinden!

Diese radikale Formel ist der einzige – zugegeben oft nicht leichte - Weg zur Gesundheit! Dazu muss man seinem Organismus genügend Zeit und Ruhe gönnen. Meist dauert der Heilungsprozess ungefähr die gleiche Zeit wie die Krankheit zur ihrer Entstehung brauchte.

Auch wenn die folgende ketzerische Feststellung auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen sollte, ist sie doch unumgänglich: Viele Diagnosen der modernen Medizin sind – unter dem Aspekt von echter Heilung – nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich.

Nutzlos sind sie, wenn sie nur eine oberflächliche Bestandsaufnahme bestimmter organischer Veränderungen darstellen, die ihrerseits aus dem Zusammenhang gerissene Teilaspekte der Krankheit sind. Damit kann man keine effektive, ganzheitliche Therapie durchführen. Schädlich sind sie, wenn sie eine gute Behandlung verhindern. Meist hält man ja das krankhafte Symptom, das so eindrucksvoll fotografiert oder gemessen wurde, irrtümlich für die eigentliche Krankheit und manipuliert an ihm herum, wodurch die Chancen auf echte Heilung drastisch sinken.

Zum Beispiel ist es ein ziemlicher Unsinn, einen erhöhten Blutdruck mit Chemie zu senken, ohne sich um seine eigentliche Ursache zu kümmern, die meist in psychischem Stress besteht. Zwar kann man damit einen Teil der schädlichen Folgen des Bluthochdrucks verhindern, doch nimmt die eigentliche Krankheit im Untergrund ständig zu und erzeugt mit der Zeit noch schwerere Störungen.

Noch schlimmer ist die verbreitete Therapie von Krebs mit „Stahl, Strahl und Chemie“, die nur auf das Symptom, nicht aber auf die Ursache ausgerichtet ist: Wo wird zum Beispiel heute in der offiziellen Medizin der psychische Zustand des Patienten wirklich ernst genommen, obwohl inzwischen genügend Untersuchungen existieren, die die maßgebliche Beteiligung der Psyche am Krebsgeschehen belegen? Die übliche Diagnose, die sich auf die Feststellung des Tumors beschränkt, führt nur zu einer Reihe von Behandlungen, die diesen vernichten sollen (wobei evtl. auch die Vernichtung des Patienten in Kauf genommen wird!).

Besonders schädlich aber sind solche Scheuklappendiagnosen, wenn sich unter dem Einfluss des eindrucksvollen Röntgenbildes oder Laborwertes und deren angeblicher Gefährlichkeit der Blick des kranken Menschen sogleich massiv auf diese Befunde einengt und er an sich nur noch den krankhaften Befund wahrnimmt. Er verliert den Überblick über seinen Gesamtzustand und gerät in Panik, die ihrerseits die Krankheitserscheinungen weiter verstärkt oder neue hervorruft. Denn das „Immunsystem“, das den gesunden Normalzustand aufrechterhält bzw. wiederherstellt, wird, wie man heute verläßlich weiß, maßgeblich von der Psyche beeinflußt. Das erklärt, warum es so schädlich ist, einen kranken Menschen mit einer ihn verängstigenden oder niederschmetternde Diagnose zu konfrontieren. Der Therapeut macht damit oft von vornherein alle seine Bemühungen zunichte und quält obendrein den Patienten. Unzählige Menschen sind an der Diagnose, die man ihnen gestellt hat, und nicht an ihrer Krankheit zugrunde gegangen! Für sie wäre es besser gewesen, sie hätten sich erst gar nicht untersuchen lassen, sondern in sich hineingehört und sich von allen krank machenden Faktoren befreit.

Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn ich mich nicht wohlfühle oder wenn ich feststelle, dass bei mir etwas nicht in Ordnung ist, brauche ich nur alles, was mir nicht gut tut oder was mich krank gemacht hat, aus meinen Leben zu entfernen. Wenn mir dies gelingt,  werde ich automatisch wieder gesund.  Denn durch die Tür, durch die die Krankheit gekommen ist, geht sie auch wieder hinaus.

 

Notwendiges Nachwort:

Diese Ausführungen sollen eine Anregung zum Nachdenken sein. Ich will - und darf - Sie nicht von einer evtl. nötigen Diagnose oder Therapie abhalten, sondern möchte Sie für die damit verbundene Problematik sensibilisieren. Sie müssen selbst entscheiden, wie Sie mit einer Diagnose umgehen und welche Therapie Sie wollen. Einen Tip aber kann ich Ihnen geben: Glauben Sie nicht alles wörtlich, was man Ihnen erzählt, sehen Sie sich den Arzt genau an, der Ihnen die Diagnose stellt, denn jeder sieht die Welt durch seine Brille, die keineswegs zu Ihnen passen muß. Hören Sie sich mehrere Meinungen an, lassen Sie sich nicht entmündigen, informieren Sie sich, wo Sie können, und wählen Sie dann den Weg, der Ihnen persönlich am meisten liegt. Viele Wege führen nach Rom.

 

Übrigens: die meisten Krankheiten heilen von allein, wenn der Organismus gut behandelt wird und Ruhe und Zeit bekommt.