top of page
Ausgleichende Gerechtigkeit

Fühlst du dich ungerecht behandelt, und meinst du daher, du hättest du das Recht, irgendwie entschädigt oder rehabilitiert zu werden? Hoffst du auf also eine Gerechtigkeit, die alles was du erlitten hast, wieder gut macht?

 

Bei den normalen Ungerechtigkeiten, die wir täglich erleben, wäre das bei gutem Willen der Beteiligten oder durch ein Gerichtsurteil wahrscheinlich irgendwie möglich. Wie sieht es aber bei jenen schweren Unglücksfällen aus, die wir als Schicksalsschläge bezeichnen, weil wir erkennen, dass keine menschliche Instanz daran „schuld“ ist, sondern das Schicksal oder der Zufall - also offensichtlich übermächtige oder „überirdische“ Kräfte, denen wir irgendwie ausgeliefert sind. Wie sollen wir uns gegen sie wehren, wie auf sie reagieren? Sind Wut und Verbitterung oder Depression und Verzweiflung die richtige Reaktion? Helfen sie uns, machen sie die Situation besser?

 

Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort, das in einem übertragenen Sinn dazu passt: Kannst du deinen Feind nicht besiegen, dann umarme ihn. Was heißt das? Es ist sinnlos und dumm, gegen jemanden oder etwas zu kämpfen, wenn man keine Aussicht auf Sieg hat; dann muss man anerkennen, dass man der/die Schwächere ist und auf den Feind zugehen und versuchen, ihn zu verstehen und zum Freund zu machen

 

Wie könnte ein solches Verstehen auf diesem hohen Niveau aussehen und wäre es unter diesem Gesichtspunkt nicht denkbar, dass es gar keine ausgleichende Gerechtigkeit geben kann, und zwar deshalb, weil es auch keine „Ungerechtigkeit“ gibt (die übrigens nur eine subjektive Bewertung ist)? Aber wäre es statt dessen nicht möglich, dass hinter allem ein höherer Sinn waltet und dass in diesem Sinne alles, so wie es ist und geschieht, richtig und daher auch gerecht ist? Und könnte es nicht sein, dass wir diesen Sinn nicht begreifen können, weil uns eine genügend große Perspektive fehlt, die all die Dinge, die wir jetzt zwar erleben und dennoch nicht verstehen, in einem übergreifenden Sinn zusammenfassen würde? Es muss sie aber geben.

 

Unser Problem besteh darin, dass wir gelernt haben, in den Kategorien von „gut“ und „böse“, richtig und falsch, gerecht und ungerecht zu leben und zu denken. Aus dieser beschränkten Perspektive beurteilen wir alles danach, ob es uns gefällt und gut tut oder nicht. Dennoch wissen wir, dass alle Dinge nicht nur auf sich selbst bezogen, sondern zugleich in einen großen Zusammenhang eingewoben sind, in dem das Einzelne nicht für sich selbst existiert, sondern auch dem Großen Weltgeheimnis dient und nur dadurch erst seinen eigentlichen Sinn findet.

 

Wenn wir uns und unsere Existenz aus dieser Perspektive sehen könnten, würden wir sicherlich vieles anders beurteilen, und wir könnten jene Vorgänge und Erlebnisse, die uns als ungerecht oder falsch erscheinen, in ihrer wahren Bedeutung erkennen, nämlich als unentbehrliche, wenn auch peinvolle, Mosaiksteine in unserer Existenz. Vielleicht würde uns das mit unserem Schicksal aussöhnen.

79274 St. Märgen, Kirchplatz 11, Tel. 07669 93 95 77  Fax 07669 93 95 78  E-Mail: blome@posteo.de

bottom of page